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Meine drei Wochen in China: Impressionen und Erfahrungen eines Europäers

Im Sommer 2016 habe ich an einem China Austausch teilgenommen. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Weil es eine so derart ungewöhnliche Erfahrung für einen Europäer ist, habe ich mich entschieden, meine Impressionen und was ich gelernt habe, hier mitzuteilen.

 

Vorbereitung

Bevor wir nach China geflogen sind, mussten wir an einem Vorbereitungstreffen teilnehmen. Uns wurden die wichtigsten Informationen zu der Reise mitgeteilt, aber auch die kulturellen Unterschiede erläutert: Was sollten wir machen? Was lieber nicht? Die größte Sorge, die ich dann hatte, war es, dass ich in ein schreckliches Missverständnis gerate, nach welchem die Chinesen dann denken werden, dass ich denen den Tod wünsche ( = Die Stäbchen in den Reis stecke), denen was Böses wünsche ( = verweigere etwas zu essen, was mir angeboten wurde), oder einfach Schwierigkeiten mit der indirekten Redeart bekomme, die charakteristisch für sie sein soll. Kurz: Ich hatte Angst vor europäischen Klischees.

 

Die ersten Eindrücke

Als wir dort ankamen, brauchten wir natürlich zuallererst Zeit, um uns einzufinden und uns komfortabel auf der anderen Seite der Welt zu fühlen. Zu bemerken ist, dass in der Großstadt Peking (in der wir die nächsten drei Wochen leben sollten) es so ziemlich “globalisiert” aussah. Nur die Schriftzeichen waren anders. Im Flughafen hatte man überall Glastüren, jeder (in dem Fall Asiaten) hatte ein Smartphone in der Hand, es fuhren Wagen hin und her, man hörte ein allgemeines Gerede von vorbeigehenden Menschen und Gruppen. Weiße (Menschen) waren eine Seltenheit und man sprach nicht mehr Englisch, sondern Chinesisch. Nur einige Schilder hatten eine englische Übersetzung. Draußen, und jetzt komme ich zum größten Unterschied zu Europa, war es stickig. Die Luft hatte eine andere Konsistenz, man schwitzte schneller. Der Himmel war klar, die Sonne trotzdem blass. Wenn man einen Baum in der Nähe sah, hörte man immer einen Lärm von Zikaden (Insekt, 5 cm lang, schwarz, mit kleinen Flügeln, vergleichbar mit einem Grashüpfer). Der Lärm war teilweise sehr laut, entsprechend viele von solchen Wesen lauerten um uns herum, verborgen in den Bäumen. Man konnte sie nicht sehen. Die Chinesen lächelten. Wir sind dort gegen Mittag angekommen. Zuhause war es gerade vier Uhr morgens. Das zum ersten Eindruck.

 

 

Schule, Beijing Royal School

Als wir nach einer kühlen Busfahrt an unserem Wohnort ankamen, waren wir erstaunt. Es waren prächtige Bauten. Eine Schule habe ich mir so nicht vorgestellt. Obwohl einige Bauten, an den wir vorbeigefahren sind, heruntergekommen aussahen, schien es dieser Schule nicht an Mitteln zu fehlen. Wie später unsere chinesischen Kollegen sagten, war es sogar nicht die beste Schule. Sc

hulen in China sind also ganz gut dabei.

Es waren Zimmer mit je zwei H

ochbetten. Jedes Zimmer hatte eine Dusche mit Waschbecken und Toilette. Das Wasser (aus dem Waschbecken) konnte man erstaunlicherweise nicht trinken. Es stank etwas. Jedes Zimmer hatte außerdem eine Klimaanlage (im Bild oben rechts) und ein Luftkühlsystem, das man an die Steckdose anschließen konnte. Es wurde so organisiert, dass in jedem Zimmer immer ein deutscher und ein chinesischer Schüler war. In meinem Fall war es ein etwas schüchterner Mensch aus Peking der Kung-Fu machte. Wie es sich später herausstellte, ähnelten wir uns vom Charakter sogar sehr. In nur wenigen Tagen würden wir schon frei miteinander über persönliche Themen und Schwierigkeiten reden. Am ersten Tag jedoch wollte ich unbedingt (entgegen jeglicher Empfehlungen von unseren Betreuern “auf keinen Fall” über Politik zu reden) meinem neuen Zimerkollegen alles über die bevorstehende Präsidentenwahl in den USA erzählen, die mich so interessierte. Das tat ich, bis er mir klar machte, dass eine Wahl in den USA für ihn keine Rolle spielt. Ich musste erst etwas umdenken. Dann verstand ich aber schnell, in was für einem Land ich mich gerade befinde.

An dem Tag passierte wenig, schließlich wollten wir Neuen alle schlafen. Ein neues Leben sollte beginnen.

Wie komfortabel und still die große Schule nicht war, Überraschungen erwarteten uns erstmal ständig…

Über das Essen in der Schule kann man wirklich separat reden. Schließlich soll Schulessen auch ganz generell für eine “b

esondere Qualität” bekannt sein.

Die weiteren drei Wochen

Mit meinem Zimmerkollegen liebte ich es abends lange auf der Laufbahn die Runden zu laufen, zu singen, Musik zu hören. Es machte enorm viel Freude. Ich habe oft versucht einfach für einen Moment in mich zu gehen und mir vorzustellen, dass ich mich gerade wirklich in China befinde.

In den nächsten drei Wochen haben wir in Partnerarbeit an kleinen Filmchen gearbeitet, an sogenannten Bodyworkshops teilgenommen, “echte” chinesische Restaurants besucht und signifikante Orte: frei im Dorf herumgelaufen, in teuren Vierteln spaziert, in traditionellen Vierteln spaziert.

Das Drehen der Filmchen war das primäre Ziel des gesamten Projektes, darum haben wir viel Zeit damit verbracht mit den chinesischen und deutschen Betreuern darüber in Gruppen zu reden, erste Ergebnisse und Fotos einzuschauen. Das Ziel von Wu Wenguang, dem Leiter des Workshops, war es uns eine ganz neue Art von Film beizubringen, die in der Menschheit irgendwie verloren gegangen ist. Ein Film über sich selbst. Während die meisten sich beim Film interessanteste (und auch sehr weit hergeholte) Geschichten ausdachten, wollte er, dass wir darüber filmen, wie wir selbst sind, wie wir wahrnehmen, etwas über unsere Persönlichkeit erfahren. Schließlich heißt das Projekt auch “China and Germany in my eyes”.

An vielen Tagen hatten wir abends einen Bodyworkshop. Es handelte sich um Yogaübungen, die zur Entspannung dienen sollten. Nicht alle waren Fans davon. Oft haben wir Spiele gespielt, die die Kreativität fördern sollten. Wir haben die Improvisation (von der Wu ein großer Fan war) geübt. Es handelte sich um typische Theaterübungen, die uns aber sehr fremd vorkamen (vielleicht weil es in China war). Um ehrlich zu sein, manchmal kam man sich selbst ziemlich blöd vor, als Europäer, während man aber eigentlich nur eine fremde Kultur kennenlernte. Oft sahen wir keinen Sinn in dem was wir machten, aber wie konnten wir auch? Schließlich kamen wir aus einer weit entfernten Welt mit einem total anderen Wertesystem.

 

Das Essen

Die Restaurants waren mit Abstand das Interessanteste dort.

Die Tische drehten sich, man aß mit Stäbchen.

Ich muss bemerken, dass die Art zu essen in China um eine Epoche weiter ist, als die europäische bzw. amerikanische. Wenn man als Gruppe essen wollte, bestellte man sich einen Gruppentisch mit einem Gruppenmenü. Das Essen wurde dann auf dem sich drehenden Tisch serviert. Jeder hatte eine kleine Schüssel, einen kleinen Teller und eine Tasse. Um zu essen, musste man, von dem sich drehenden Tisch in der Mitte, nun mit Stäbchen das nehmen, was man essen wollte (natürlich konnte man den Tisch mit den Händen auch anhalten). Da die Teller klein waren, konnte man nicht zu viel nehmen (mit Stäbchen kann man auch generell nicht viel nehmen) und deshalb nur so lange essen und mehr drauf tun, wie man Hunger hatte. Und nicht so lange, wie der Teller voll ist, wie wir das hier meistens machen (was einfach oft nur dazu führt, dass man zu viel isst).
Die Innenstadt Pekings war zwar schön, aber weniger interessant im Vergleich zu einem alten Dorf. Eine Großstadt war für uns schließlich nichts Besonderes: Hochhäuser (in Peking gibt es nur wenige Wolkenkratzer), Adidas-Händler, McDonald’s, Essensbuden. Straßen, Autos, Straßen und Autos. Auffällig ist nur, dass es in Peking besonders viele Autos gab (VWs und BMWs waren keine Seltenheit). Dazu kam noch, dass es nur sehr wenige Bäume, generell grünes gab. Es kam so, dass Peking auf einer sehr großen Fläche liegt (als eine der einwohnerstärksten Städte der Welt), asphaltierte Quadratkilometer, und das machte sich in der Luft sehr spürbar. Wir brauchten etwas Zeit am Anfang um uns anzugewöhnen. Viel lieber gingen wir als Gruppe in das sehr nahe an der Schule liegende kleine Dorf “Bai Miau Cun” (das übrigens sehr arm war). Dort spürte man wörtlich das Leben und die Bewegung. Ständig liefen verschiedene Leute hin und her. An jedem dritten Haus wurde etwas gebaut. Hammerschläge. Die meisten unteren Etagen waren verschiedene Food-Businesses. Ständig wurde etwas gekocht, geknetet. Es fuhren Motorroller hin und her und hupten ständig. Alle Häuser sahen schon ziemlich alt aus. Der Boden, an Stellen, wo er asphaltiert war, hatte Dellen. Und mitten drin stand plötzlich ein Cabrio BMW (ich kann es mir selbst nicht erklären wieso). Ich sage ehrlich, man konnte richtig die Energie in dem Volk spüren und, dass sie wirklich alles hinkriegen können. Darum hatten wir auch viel Freude daran, öfter zu dem Dorf zu gehen. Die Preise für das Essen dort waren sehr gering z.B. ein Yuan für ein frittiertes Brötchen (~14 Cent). Essen konnte man in China generell sehr günstig. Nur Milch(eis), Kaffee und Pizza waren eine teure Seltenheit in China. Pizza (20 cm): 80 Yuan, also etwa 12 Euro.

Das Kunst-Viertel

An einem der letzteren Tage in Peking besuchten wir ein Kunst-Viertel. Dort waren verschiedene moderne Kunstwerke ausgestellt, man konnte in Hallen mit Ausstellungsstücken hereingehen und man konnte Kleidung kaufen. Generell, das ganze Viertel schien das Gegenteil davon zu sein, was wir vorher kennengelernt hatten. Es handelte sich um ein Tourismusort. Solche Orte haben wir sonst selten besucht, hauptsächlich waren wir tatsächlich dort, wo wir auch als Menschen, die dort längere Zeit lebten, hin mussten: Supermärkte, U-Bahn, das Dorf (weil es in der Nähe war), Schule. Entsprechend teuer war in diesem Art-Distrikt auch das Essen. Praktisch spiegelte es nichts davon wider, was wir sonst in China kennen gelernt haben.

Richtig fasziniert hat mich dort aber eine Statue (Bild oben). Ein Mensch, der wohl einen schönen Mantel hat, also eine wichtigere Persönlichkeit darstellt, erfüllt sein Zweck und seine ganze Präsenz nur dadurch, dass er klatscht. Kopflos hat er keine Identität, die dann auch egal wird, weil er seinen Zweck erfüllt. Diese Statue finde ich unglaublich, weil sie automatisch Kritik an jeglichen politischen Systemen ausübt, was man in China eigentlich nicht erwartet hätte.

 

Rückblick

Interessant fand ich noch, dass während der ganzen Zeit in Peking ich so gut wie kein Heimweh hatte. Ich fühlte mich komfortabel, da, wo ich bin. Das Einzige, was ich vermisst habe, war das Essen und das Trinkwasser im Bad. Auf der Reise hatte ich die seltene Möglichkeit Leute zu sehen, die viel ärmer aufwuchsen und wohl nie die Chance haben werden, in den Westen zu reisen. Ich sah Menschen, die mit viel weniger auskommen konnten, als ich es überhaupt könnte. Manchmal dachte ich, beim Anblick eines Straßenputzers in dem kleinen, armen Dorf, “was für ein Sinn hat denn sein Leben?” Er hat doch weder Berufschancen, Internet, noch ein komfortables, gesichertes Leben. Er könnte, so viel er will, träumen, mal nach Europa zu reisen, würde es aber nie schaffen. Sofort musste ich das wieder auf mich selbst beziehen und mich selbst fragen, was für ein Sinn hat denn das komfortable Leben?

Diese Frage muss ich offen lassen.

Für mich konnte ich jedenfalls sagen, dass ich mein Wertesystem ändern muss, um andere Kulturen und Menschen nachvollziehen zu können.

Und das ist auch das, woran ich, auf die Chinareise zurückschauend, denke. Die Welt ist klein genug um dieselben physikalischen Gesetze überall zu haben, aber viel zu groß für allgemeine Standards. Die Wahrnehmung jeder Nation ist anders und man muss offen für Neues sein, um Neues überhaupt wahrnehmen zu können. Vielleicht muss man sich doch einfach sein eigenes Wertesystem in die Hosentasche weglegen und nur aufnehmen und mit den anderen mitleben, um sie verstehen zu können.

Leben ohne Internet ist möglich!

Das habe ich gelernt

Es war eine unglaubliche Erfahrung für mich, als ich in China war, zu realisieren, dass ich mich auf der anderen Seite der Welt befinde, einem Ort, zu dem nur sehr wenige Europäer kommen. Noch unglaublicher fand ich die Erfahrung, als ich dasselbe Gefühl einige Zeit später in Deutschland hatte. Nie war mir klarer, wie glücklich man sich hier schätzen kann und wie viele Milliarden Menschen nie nahe an diese Art zu leben kommen werden. So kann ich nun meine eigene Existenz spüren.

 

Das Projekt

Ermöglicht wurde alles durch die Stiftung Merkator, das AFS, das Konfuzius-Institut. Es handelt sich um einen drei-wöchigen Austausch von 15 Schülern aus Deutschland und 15 Schülern aus China. Im Sommer 2016 drei Wochen in Peking, China. Im Sommer 2017 in Köln, Deutschland. In diesem Projekt arbeiten Fachspezialisten mit Schülern an Kurzfilmen. Das Thema ist nicht vorgegeben. Das, was aber die Filme ausmacht, ist, dass sie alle zu “China and Germany in my eyes” (dem Slogan des Projektes) passen.

In Peking lebten die Schüler in Doppelzimmern in der Beijing Royal School. http://en.bjroyalschool.com/

2018 startet eine neue Generation des Projektes. Es ist für 14-16 jährige Schüler Deutschlands.

2017 trifft die aktuelle Generation sich in Köln zum Deutschland Besuch.

Offizieller Bericht zum Projekt

Offizieller Bericht zum Projekt 2
Video zum Projekt

 

Notiz zum vorherigen Beitrag:

In Peking hat so ziemlich jeder ein teures Smartphone, sogar arme Menschen. Viele von den Leuten, die ich kennen gelernt habe, träumen häufig davon, nach USA zu reisen und dort zu studieren. So konservativ, wie man hier redet, ist man dort auch nicht wirklich. Mädchen schminken sich schon, nur viel weniger als hier (was ich besser finde!). Missverständnisse gab es nur wenige. Was sich bemerken ließ, war folgender Unterschied: In einem Dialog, in dem es darum geht etwas einzuplanen, redet man nicht so wie hier (“Ich habe dann keine Zeit, nein, sorry, da bin ich woanders, ich habe da ein Termin, das ist mir zu kurzfristig…”), sondern ist viel eher auf den Anderen eingegangen “Hast du dann Zeit? Wann würde es dir am besten passen? Ist es dir so komfortabel?” Man ist viel stärker bereit auf den Anderen zu zukommen. Es macht die Arbeit viel flexibler und produktiver, wie ich das miterlebt habe.

Ja, wir gingen auch zu der Chinesischen Mauer.

Die Filme (Essen in China)

Ziel der Reise war es einen Kurzfilm herzustellen. Ich habe viel gefilmt und aus demselben Material zwei verschiedene Versionen geschnitten. Diese haben komplett verschiedene Charaktere als Filme. Welcher ist nun besser?

 

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